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Taubheit, Gehörlosigkeit (Kophosis, Surditas, Anakusis)

Von: Christa Pleyer ( mehr) 15/05/2019
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Taubheit bedeutet Gehörlosigkeit. Geräusche und Töne dringen zwar ins Ohr, aber das Hörorgan kann sie entweder nicht verarbeiten oder die Weiterleitung der Signale zum Gehirn funktioniert nicht.

Das Gehör nimmt unter den Sinnesorganen des Menschen eine Sonderstellung ein. Es ist Grundvoraussetzung für die zwischenmenschliche Kommunikation, den Informationsaustausch und das soziale Zusammenleben. Wenn ein Säugling nichts hören kann, nimmt er einen wesentlichen Teil seiner Umwelt nicht wahr.

Die körperliche, geistige und auch seelische Entwicklung des betroffenen Kindes ist deshalb beeinträchtigt und muss durch geeignete Maßnahmen gefördert werden.

Wer ist davon betroffen?

Etwa eines von 1.100 Neugeborenen kommt mit einer angeborenen Taubheit zur Welt. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland 80.000 Gehörlose leben, das ist ungefähr jeder tausendste Einwohner.

Die Taubheit kann erblich bedingt sein. Häufig ist sie aber die Folge von Erkrankungen:

• Infektion der Mutter mit Röteln (S. 857) in der Schwangerschaft,

• Geburtstrauma oder Sauerstoffmangel während der Geburt,

• Mumps (S. 802), Masern (S. 781) oder Rötelninfektionen im Erwachsenenalter,

• Innenohrkomplikationen einer Mittelohrentzündung (S. 794).

In einigen Fällen sind es Nervenschäden, die zur Gehörlosigkeit führen. Die Hörnerven können dann die Signale, die vom Ohr kommen, nicht mehr zum Gehirn leiten.

Ursächliche Erkrankungen können sein:

• Gehirnhautentzündung (S. 662) oder Schädel-Hirn-Trauma (S. 863),

• Schlaganfall (S. 883),

• Gehirntumore (S. 663),

• Durchblutungsstörungen im Gehirn.

Wenn die Hörzellen im Innenohr nicht (mehr) funktionstüchtig sind, wird der Schall zwar über das Trommelfell und die Gehörknöchelchen bis ins Innenohr weitergeleitet, kann aber nicht mehr in elektrische Signale umgewandelt werden, die über den Hörnerv ins Gehirn übertragen werden.

Eine Vorbeugung ist durch die Vermeidung der Virusinfektionen, die Taubheit zur Folge haben können, möglich. Dies kann durch entsprechende Schutzimpfungen gegen Masern, Mumps und Röteln erfolgen. Junge Frauen mit Kinderwunsch, die nicht gegen Röteln immun sind, können durch eine rechtzeitige Rötelnimpfung vor der Schwangerschaft Vorbeugen.

Wesentlich ist auch die Vermeidung von großer Lärmbelastung (Hören, S. 388). In Lärmberufen, etwa bei Bauarbeitern, ist ein Gehörschutz erforderlich.

Was Betroffene selbst tun können

Taubheit frühzeitig zu erkennen ist wichtig. Je früher sie mit einem Cochlea-Implantat kompensiert wird, desto besser und befriedigender sind die Ergebnisse.

In manchen Fällen ist keine Operation möglich oder sie wird vom Betroffenen abgelehnt. Auch für Gehörlose ist mit geeigneten Hilfsmitteln eine gute Kommunikation mit der Umwelt möglich. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Gebärdensprache eine gleich gute kognitive Entwicklung ermöglicht wie die gesprochene Sprache. Allerdings beschränken sich Sozialkontakte dann auf Personen, die diese Kommunikationsform beherrschen. Familie, Freunde und Arbeitskollegen können die Lebensqualität von Gehörlosen deutlich verbessern, wenn sie selbst die Gebärdensprache erlernen. Selbsthilfevereine und Volkshochschulen bieten Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse für Gebärdensprache zu je etwa zehn Doppelstunden und Lernmaterial auf CD-ROM zum selbstständigen Lernen daheim an.

Viele taube Menschen fühlen sich von der Umwelt ausgeschlossen und isoliert. Psychische Probleme wie Depressionen können dann die Folge sein. Kinder, die aufgrund ihrer Taubheit als Außenseiter behandelt werden, verhalten sich häufig auch aggressiv. Schulen für Gehörlose und Selbsthilfegruppen sind wichtige Hilfen für die Bewältigung solcher Probleme. Mindestens ebenso wichtig ist es für Gehörlose aber, gemeinsam mit hörenden Menschen zu arbeiten und die Freizeit zu verbringen.

Entscheidungen mit Arzt oder Ärztin

Bei beidseitiger Taubheit, die noch nicht länger als zehn bis 15 Jahre besteht und wenn erwiesen ist, dass eine optimale Versorgung mit Hörgeräten nicht möglich ist, kann mittels Operation ein Gerät in das Ohr eingepflanzt werden, das Hören möglich macht.

Cochlea-Implantat. Das Cochlea-Implantat (Cochlea = Schnecke) umgeht die geschädigten Haarzellen und reizt den Hörnerv direkt mit elektrischen Impulsen. Damit können selbst vollständig taube Personen wieder Töne und Geräusche wahrnehmen.

Bei der etwa dreistündigen Operation wird hinter dem Ohr die Haut aufgeschnitten und eine kleine Höhle in den Knochen gebohrt, in dem das Implantat Platz hat. Das Implantat selbst hat einen Mantel aus Titan, damit es zu keinen Abstoßungsreaktionen kommen kann. Es wird ein Knochenkanal bis zur Gehörschnecke des Innenohrs gebohrt, und Platinelektroden werden in die Gehörschnecke eingeschoben.

Die Klangqualität des Cochlea-Implantats ist freilich nicht gleich wie beim »normalen« Hören oder mit Hörgeräten. Nach der Operation ist daher eine intensive logopädische Therapie (Hör-Sprach-Training) erforderlich, um die neuen Höreindrücke auch nutzen zu können. Auch Patienten, die erst später im Leben taub wurden, brauchen so ein Initialtraining. Wie befriedigend das Ergebnis letztlich ist, hängt davon ab, wie zeitgerecht die Operation durchgeführt wurde und wie gut und intensiv das Hör- und Sprachtraining nach der Operation ist.

Um ein noch besseres Sprachverständnis zu erzielen, kann das Lippenlesen gelernt werden. Die logopädische Betreuung dauert bei Kindern etwa zwei Jahre. Danach wird die Funktionsfähigkeit des Implantats jährlich überprüft und ein Hör- und Sprachtest durchgeführt.

Vor allem Kinder, die vor dem dritten Lebensjahr ein Cochlea-Implantat bekommen haben, können ihre Sprache völlig normal entwickeln.

Bei gehörlosen Erwachsenen ist ein Cochlea-Implantat erfolgversprechend, wenn sie vor der Taubheit bereits sprechen konnten. Voraussetzung ist ein funktionierender Hörnerv. Das Innenohr muss außerdem Gehörflüssigkeit enthalten und der Patient sollte an keinen schwerwiegenden Grunderkrankungen wie insulinpflichtigem Diabetes mellitus (S. 603) oder bekannten Autoimmunerkrankungen (Immunsystem, S. 392) leiden, weil es sonst zu Komplikationen kommen kann.

Das Implantat besteht aus zwei Teilen: einem elektronischen Empfänger, der hinter dem Ohr unter die Haut eingepflanzt wird und mit einem in das Mittelohr eingepflanzten Elektrodenträger verbunden ist, und aus einem digitalen Sprachprozessor, der außerhalb des Körpers getragen wird.

Der Schall, der das Ohr erreicht, wird mit einem Mikrofon, das hinter dem Ohr getragen wird, aufgenommen. Mit dem Sprachprozessor wird der Schall in elektrische Signale umgewandelt. Diese Signale werden über Elektroden in das Innenohr geleitet und stimulieren dort direkt den Hörnerv. Dieser leitet die Signale an das Gehirn weiter. Freilich entspricht der damit erzielte Höreindruck nicht dem physiologischen Hören. Daher müssen Patienten nach der Operation in einer intensiven logopädischen Behandlung lernen, diese Signale richtig zu deuten.

Hirnstamm-Implantat: Wenn die Hörnerven geschädigt sind, kann ein Hirnstamm-Implantat Abhilfe schaffen. Das bei einem neurochirurgischen Eingriff implantierte Hirnstamm-Implantat funktioniert ähnlich wie ein Cochlea-Implantat. Der Unterschied: Der vom Sprachprozessor in elektrische Signale umgewandelte Schall wird nicht ins Innenohr geleitet, sondern direkt ins Gehirn. Der Bereich im Gehirn, der für das Hören zuständig ist, wird elektrisch gereizt. Betroffene müssen erst langwierig lernen, das Gehörte richtig zu deuten.

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