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Tinnitus

Von: Christa Pleyer ( mehr) 17/05/2019
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Tinnitus ist der medizinische Fachausdruck für Ohrgeräusche. Das Summen, Klingeln, Zischen, Klopfen oder Sausen in einem oder beiden Ohren oder im Kopf kann entweder dauernd auftreten oder in Abständen immer wieder kommen, ganz leise sein oder als sehr laut und störend empfunden werden.

Tinnitus ist keine Krankheit, sondern ein Symptom, vergleichbar dem Schmerz.

Wer ist davon betroffen?

Tinnitus kann in jedem Lebensalter auftreten, ab dem 60. Lebensjahr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit. Vier Prozent der Bevölkerung sind vom chronischen Tinnitus betroffen (länger als drei Monate), aber fast jeder Vierte hat irgendwann in seinem Leben Ohrgeräusche, meist nur kurz und vorübergehend.

Tinnitus kann ein Warnsignal sein, das anspringt, wenn jemand körperlich oder seelisch überfordert ist. Das Klingeln, Rascheln, Klopfen, Knarren, Zischen oder Pfeifen wird laut, weil es der innere Seismograph (die Gefühle) zulässt. Ein chronischer Tinnitus ist häufig ein – nicht zu überhörender – Ausdruck einer seelischen Störung.

Eine andere häufige Ursache sind Hörschäden. Ein zu lauter Walkman, ohrenbetäubender Discolärm oder ein Silvesterkracher können die feinen Haarzellen im Innenohr schädigen. Andere Gründe sind ein Hörsturz (S. 721), die Menieresche Krankheit (S. 785) und andere organische Erkrankungen. Auch Probleme mit der Halswirbelsäule oder im ZahnKiefer-Bereich können auslösende oder verstärkende Ursachen sein.

Wo genau die Geräusche im Ohr entstehen, konnte bisher nicht herausgefunden werden. Wahrscheinlich ist, dass der Tinnitus auf einer Störung der inneren Haarzellen, das sind die Hörsinneszellen in der Schnecke (Hören, S. 388) beruht, die spontane Erregungsmuster produzieren und über den Hörnerv ans Hirn weiterleiten.

Ist Vorbeugung möglich?

Stress, körperliche und psychische Dauerbelastung und Überforderung zu vermeiden hilft, den lästigen Ohrengeräuschen vorzubeugen. Wer regelmäßig in sich hineinhört, bevor solche Störungen das Hören schwer machen, wird erkennen, welche Probleme ihn belasten, und kann anfangen, sie zu lösen. Stress lässt sich managen (Kein Stress mit dem Stress, S. 264) und Entspannungstechniken können helfen, auch Zeiten intensiver Anspannung leichter zu überstehen. Wenn die Belastungen zu groß sind, sollte sich niemand scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Vermeidung von übermäßigem Lärm (Disco, zu lautem Musikhören und große Lautstärken bei der Arbeit) schützt die empfindlichen Sinneszellen im Ohr und beugt damit auch der Entstehung eines Tinnitus vor.

Was Betroffene selbst tun können

Einige Tage Ruhe und Entspannung reichen oft, um Ohrgeräusche wieder zu vertreiben. Bewährt haben sich Entspannungsverfahren wie autogenes Training (S. 280), Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (S. 283), Tai-Chi (S. 284) oder Felden- kraistherapie (S. 227). Sie können helfen, die innere Ruhe wiederzugewinnen.

Wenn die Geräusche nicht verschwinden und zu ständigen Begleitern werden, gelingt es den meisten, sich im Lauf der Zeit daran zu gewöhnen und die chronische Geräuschbelastung in den Hintergrund zu drängen – sie aus dem Bewusstsein zu verdrängen und zu »überhören«.

Hin und wieder, vor allem in Zeiten von Stress oder besonderer Anspannung, kann der Tinnitus wieder mehr in den Vordergrund rücken und stärker stören – etwa beim Einschlafen.

Ein täglich gleicher Ablauf vor dem Schlafengehen (Schlafstörungen, S. 879) erleichtert das Einschlafen trotz störender Nebengeräusche und verhilft zu ausreichender Nachtruhe.

In den seltenen Fällen, bei denen Fehlstellungen im Kiefergelenk ein laut vernehmbares Knacken verursachen, kann eine spezielle Aufbiss-Schiene Erleichterung bringen.

Entscheidungen mit Arzt oder Ärztin

Wenn ein Tinnitus nach wenigen Tagen nicht abklingt, ist ein Arztbesuch sinnvoll. Dabei beschränkt sich die medizinische Behandlung vielfach auf eine Therapie mit durchblutungsfördernden Medikamenten. Einen Versuch ist das wert: Bei vielen Behandelten verschwindet der Tinnutus wieder. Ob das auf die Behandlung zurückzuführen ist oder die Geräusche auch so verschwunden wären, ist dabei unklar, weil die Methode in Studien bisher keinen Erfolgsnachweis liefern konnte.

Wenn sich nicht innerhalb von zwei bis drei Wochen eine Besserung zeigt, kann auch eine Sauerstoffüberdrucktherapie (Einatmen von reinem Sauerstoff in einer Überdruckkammer) versucht werden. Die hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) bringt mehr Sauerstoff in den für den Tinnitus wichtigen Innenohrbereich. Sinnvoll ist diese Behandlung nur, wenn der Tinnitus nicht schon länger als drei Monate vorhanden ist.

Psychotherapeutische Abklärung. Manche Wissenschaftler nehmen an, dass eigentlich jeder Mensch einen Tinnitus hat. Normalerweise – so eine mögliche Erklärung des Phänomens – werden die Geräusche vom Gehirn herausgefiltert, sodass die »Begleitmusik« im Ohr gar nicht erst bewusst wird. Doch das scheint in manchen Fällen nicht mehr zu gelingen.

Wer das Leiden als Katastrophe erlebt, leidet nur noch stärker an den Ohrgeräuschen. Deshalb ist neben der medizinisch-diagnostischen Abklärung des Symptoms die psychotherapeutische Diagnostik besonders wichtig: Der Patient füllt einen standardisierten Fragebogen aus und gibt dabei detailliert an, wie penetrant er seine Ohrgeräusche empfindet, ob er besondere Entspannungsprobleme, Schlafstörungen, emotionale und kognitive Belastungen empfindet und unter psychosozialen und beruflichen Belastungen leidet.

Wenn der Betroffene ein Tinnitustagebuch führt, hat der behandelnde Psychotherapeut die Möglichkeit, anhand der Aufzeichnungen über Häufigkeit und subjektive Wahrnehmung der Ohrgeräusche Bewältigungs- und Managementstrategien auszuwählen, die dem Betroffenen helfen können, die bewusste Wahrnehmung des Tinnitus mehr in den Hintergrund zu rücken.

Hörgerät. Besteht eine Hörminderung, kann ein Hörgerät den Leidensdruck wesentlich verringern und die Lebensqualität entscheidend verbessern. Die nun deutlicher gehörten Umgebungsgeräusche konkurrieren mit dem inneren Ohrgeräusch und drängen es dadurch stärker in den Hintergrund.

Masker. Der Masker wird wie ein Hörgerät am oder im Ohr getragen und erzeugt ein leises Rauschen, das den Tinnitus übertönen und damit verdecken soll. Mit Vergleichsmessungen können der Charakter und die Lautstärke des Tinnitus bestimmt. Außerdem lässt sich auf diese Weise testen, ob sich der Tinnitus durch andere Geräusche übertönen und verdecken lässt.

Tinnitus-Bewältigungstraining. Bei diesem Behandlungsverfahren üben vom Tinnitus Betroffene in Einzel- oder Gruppentherapien weitergehende Bewältigungsstrategien ein. Neben den psychologischen Stressbewältigungsverfahren wie Entspannung und Biofeeback (Entspann dich, S. 277) können Übungen die Fähigkeit trainieren, die Aufmerksamkeit bewusst vom Ohrgeräusch abzulenken. Wer es versteht, sich besonders intensiv auf interessante Tätigkeiten zu konzentrieren, nimmt das Ohrgeräusch in dieser Zeit nicht wahr.

Zum Bewältigungstraining gehört auch die bewusste Gestaltung der akustischen Umwelt. Leise Musik beim Einschlafen oder das Lauschen von Hörbüchern können dazu beitragen, den Tinnitus gleichsam in einem Meer anderer akustischer Wahrnehmungen untergehen zu lassen.

Bei dem Bewältigungstraining kann auch erlernt werden, sich dem Tinnitus ohne negative Gefühle zuzuwenden. Eine geeignete Technik ist, das Ohr-geräusch in Gedanken in ein anderes Geräusch umzuformen: Aus dem unangenehmen und nicht abstellbaren Beigeräusch wird das angenehme Rauschen eines Wasserfalls. Der Betroffene lernt, sich in Gedanken dem Wasserfall zu nähern und dabei das Anschwellen des Getöses der herabfallenden Wassermassen zu vernehmen; er erlangt durch die Übungen aber auch die Fähigkeit, sich gedanklich wieder vom Wasserfall zu entfernen. Dieses Training ermöglicht, ein Gefühl der Eigenkontrolle wiederzuerlangen.

Noiser. Der Noiser ist ein Gerät, das so wie der Masker ein rauschendes Geräusch erzeugt. Das Gerät wird aber so eingestellt, dass der Lärmpegel unter dem des Tinnitus bleibt. Der Tinnitus wird nicht übertönt, Betroffene lernen aber, die Ohrgeräusche mit Hilfe des künstlichen »Umgebungsgeräusches« in den Hintergrund zu drängen. Der erzielte Effekt ist ähnlich wie beim Musik- oder Radiohören: Die Geräuschkulisse lenkt vom Fiepen oder Sausen im Ohr und den damit verbundenen negativen Gefühlen ab. Das Gerät soll täglich über mehrere Stunden getragen werden, damit es einen dauerhaften positiven Effekt auf die Tinnituswahrnehmung hat.

Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Betroffene erlernen die gleichen Techniken wie beim Tinnitus-Bewältigungstraining und werden zusätzlich mit einem Noiser versorgt. Auf diese Weise gelingt es ihnen besser, die Kontrolle über die unerwünschten Ohrgeräusche zu erlangen und sie nach Bedarf »auszublenden«. Die Therapie führt stufenweise zum Erfolg: Drängte sich der Tinnitus zu Beginn der Erkrankung nahezu immer ins Bewusstsein, gelingt es nun im zweiten Schritt, ihn für kurze Zeit durch Konzentration daraus zu verdrängen. Mit zunehmender Selbstsicherheit stören die Ohrgeräusche immer weniger: Sie sind zwar manchmal lästig, aber nicht mehr so schlimm wie anfangs. In der letzten Stufe des Retrainings können Betroffene den Tinnitus akzeptieren. Er macht sich nur mehr selten bemerkbar, etwa, wenn die Ohrgeräusche aufgrund besonderer Stresssituationen lauter als gewöhnlich sind.

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