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Zöliakie – Sprue

Von: Christa Pleyer ( mehr) 27/05/2019
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Zöliakie äußert sich mit Durchfällen, Blähungen und Übelkeit. Die Durchfälle führen mit der Zeit zu Gewichtsverlust, die Betroffenen fühlen sich zudem ständig müde und sind blass.

Manchmal besteht gleichzeitig eine Hautkrankheit (Dermatitis herpetiformis Düring), an den Streckseiten von Armen und Beinen entstehen dann gruppiert sitzende, stark juckende Blasen. In wenigen Fällen zeigen sich auch nur die entzündlichen Hauterscheinungen.

Zöliakiekranke Kinder bleiben im Wachstum zurück, sie sind missgelaunt und weinerlich, im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit wölbt sich ihr Bauch vor.

Wer ist davon betroffen?

Die Darmerkrankung wird durch eine Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gliadin (Gluten) ausgelöst, das in Weizen, Gerste, Roggen, Hafer und anderen Getreidesorten enthalten ist und auch als Aromastoff und Bindemittel verwendet wird. Es kann bei dieser Krankheit nicht in seine Bestandteile zerlegt und aufgenommen werden, bleibt im Darm und wirkt dort zerstörerisch auf die Schleimhaut. Vor allem im Dünndarm sind die Schäden stark, da dort die höchste Glutenkonzentration erreicht wird. Dieser Schleimhautschwund erschwert die Verwertung von Fetten und Proteinen, aber auch von Zucker – vor allem Milchzucker.

Die Ursachen für die Unverträglichkeit sind noch nicht restlos erforscht. Wahrscheinlich ist eine Re-gulationsstörung des Immunsystems dafür verantwortlich, zumal bei Zöliakie-Patienten vermehrt bestimmte Antikörper im Blut gefunden werden.

Eine Allergie ist Zöliakie jedoch nicht. Vielmehr ist sie eher mit einer Autoimmunerkrankung (Immunsystem, S. 392) vergleichbar, bei der bestimmte Zellen des Immunsystems körpereigenes Gewebe angreifen. Anders als andere Autoimmunerkrankungen, wie etwa Rheuma (S. 520), wird Zöliakie jedoch durch einen bestimmten Trigger ausgelöst: Gliadin.

Da die Krankheit in manchen Familien besonders häufig ist, wird die Veranlagung dazu vermutlich vererbt.

Die Dünndarmerkrankung, die bei Kindern Zöliakie und bei Erwachsenen auch Sprue genannt wird, kann in jedem Alter auftreten.

Glutenunverträglichkeit kommt weltweit vor, allerdings gibt es in der Häufigkeitsverteilung geografische Unterschiede: Während etwa in Irland einer von 300 Menschen erkrankt, ist es in Deutschland einer von 1.000; die Ursachen dafür sind nicht bekannt.

Bei Kindern wurde in letzter Zeit ein Rückgang der Häufigkeit festgestellt.

Ist Vorbeugung möglich?

Es ist derzeit keine Möglichkeit bekannt, dem Auftreten der Krankheit im Erwachsenenalter vorzubeugen.

Bei Kindern mehren sich Hinweise darauf, dass möglichst langes Stillen – bis zum sechsten oder siebenten Monat-den Ausbruch der Krankheit verhindern kann.

Was Betroffene selbst tun können

Ernährungsumstellung. Die einzig wirksame Hilfe besteht in einer glutenfreien Ernährung (Kasten S. 949). Nur das Weglassen dieses Proteins verhindert Darmschäden sowie Folgeerkrankungen wie Anämie, Gelenkbeschwerden und Osteoporose. Es verringert zudem das bei Zöliakie-Kranken erhöhte Risiko, einen vom Lymphgewebe des Dünndarms ausgehenden Krebs (T-Zell-Lymphom) zu entwickeln.

Die Diät sollte allerdings erst dann beginnen, wenn die Diagnose gesichert ist, zumal Beschwerden wie Durchfall oder Gedeihstörungen bei Kindern auch bei anderen Erkrankungen auftreten können.

Die Durchfälle bessern sich schon wenige Wochen, nachdem die Diät begonnen wurde. Meist verschwinden auch die Hauterscheinungen allein durch die Diät. Auch Kinder erholen sich für gewöhnlich schnell, sie nehmen zu, wachsen wieder und sind fröhlich.

Bis zur vollständigen Wiederherstellung der Darmschleimhaut vergehen allerdings sechs bis zwölf Monate, am längsten gestört bleibt die Fettaufnahme.

Disziplin. Es mag einfach klingen, sich an bestimmte Ernährungsvorschriften zu halten, im täglichen Leben kann das konsequente Vermeiden von Gluten jedenfalls zu Anfang mühselig sein und erfordert viel Disziplin. Auch vergessen manche Betroffene, dass es sich immer um eine lebenslange Ernährungsumstellung handelt.

Die Seele stärken. Sprue-Kranke, die aus beruflichen Gründen öfter im Restaurant essen oder auf Reisen sind, erleben die Einschränkungen besonders einschneidend.

Jugendliche, die in der Pubertät auf der Suche nach ihrer Identität sind, fühlen sich mitunter durch den Verzicht auf viele Speisen aus der Gruppe der Gleichaltrigen ausgeschlossen. Diese Sorgen wahr-zunehmen und in liebevollen Gesprächen darauf einzugehen, die Kinder aber gleichzeitig aus Furcht vor einem Diätfehler nicht allzu sehr zu behüten, ist oft eine Gratwanderung. Belasten diese Probleme das Familienleben zu sehr, kann professionelle therapeutische Hilfe sinnvoll sein. Schulungen, die in spezialisierten Zentren angeboten werden, sind hilfreich, um den Umgang mit der Krankheit zu lernen. Sinnvoll ist auch der Kontakt mit Selbsthilfegruppen, die regelmäßig Informationsabende mit Experten veranstalten und ihre Mitglieder mit Rezepten, Bezugsquellen und Informationen zu Nahrungsmitteln versorgen.

Zöliakie-Diät

Erlaubt sind Reis, Mais, Kartoffeln, Hirse, Buchweizen, Kastanienmehl, Quinoa, Amaranth, Johannisbrotkernmehl, Soja.

Zu meiden sind Weizen (Brot, Kuchen, Kekse), Roggen (Teigwaren), Grieß, Gerste, Dinkel, Fleisch- und Gemüsekonserven, Trockensuppen, Puddingpulver, Pralinen, Bier.

Ob Hafer, der sehr wenig Gluten enthält, gegessen werden darf, wird zurzeit in Forscherkreisen kontrovers diskutiert. Bis zur Klärung dieser Frage Haferprodukte nicht zu essen, ist sinnvoll.

Auf Brot und Backwaren muss trotzdem nicht ganz verzichtet werden. Einige Hersteller bieten glutenfreie Brote und Kuchen, aber auch ein Spezialmehl fürs Kochen zu Hause an. Die Produkte sind entweder im Reformhaus oder in der Apotheke, aber auch per Versand zu beziehen.

Vorsicht ist derzeit noch bei Mischprodukten und Fertignahrungsmitteln wie Gewürzmischungen, Wurstwaren, Fleisch- und Fischzubereitungen, Milcherzeugnissen und Lightprodukten angezeigt. Da Gluten etwa auch als Aromastoff oder als Gelier- und Bindemittel verwendet wird und laut EU- Richtlinie in der Zutatenliste erst ab Ende 2005 deklariert werden muss, kann es sich in vielen Halbfertig- und Fertigprodukten verstecken.

Fette sollten zu Anfang der Diät, solange sich die Dünndarmschleimhaut noch erholen muss, nur wenig gegessen werden, da die Fettaufnahme sich auch nach dem Rückgang der subjektiven Beschwerden erst langsam bessert.

Milch und Milchprodukte sollten vor allem am Anfang der Diät nur wenig im Speiseplan Vorkommen, da fast in allen Fällen gleichzeitig auch eine Laktoseintoleranz (Nahrungsmittelunverträglichkeiten, S. 809) besteht und Milchzucker vom Darm dadurch nur schwer aufgenommen werden kann. Im Laufe der Therapie normalisiert sich die Zuckerverwertung.

Ernährungsberater und Diätassistentinnen helfen bei der Erstellung eines ausgewogenen Speiseplans. Die Diät muss lebenslang eingehalten werden.

Auch der Austausch und die Diskussion mit an-deren Betroffenen in Internet-Foren kann dazu bei-tragen, die Probleme, die sich im Zusammenhang mit dem Einhalten der Diät stellen, besser zu bewältigen.

Nach einer Umstellungsphase gelingt es den meisten, sich gesund zu ernähren, ohne den Genuss beim Essen zu verlieren.

Wer einmal – etwa im Restaurant oder auf Reisen – irrtümlich glutenhaltige Lebensmittel isst und trotzdem beschwerdefrei bleibt, sollte daraus jedoch nicht den Schluss ziehen, keine Diät mehr einhalten zu müssen. Die Folgen können sich oft erst sehr viel später zeigen, denn schon geringe Mengen Gluten schädigen die Schleimhaut erneut. Probleme treten erst dann auf, wenn eine größere Fläche des Darms befallen ist.

Entscheidungen mit Arzt oder Ärztin

Um Zöliakie zu diagnostizieren, wird das Blut auf bestimmte Antikörper untersucht, die im Zusammenhang mit der Krankheit auftauchen. Zusätzlich ist eine endoskopische Untersuchung (Koloskopie, S. 612) notwendig, bei der die charakteristischen Veränderungen der Schleimhaut festgestellt werden.

Medikamente. Bei 90 Prozent der Betroffenen verschwinden die Durchfälle allein durch die glutenfreie Diät.

Bei den anderen ist eine medikamentöse Therapie mit Kortisonen erforderlich, allerdings müssen bei einer Dauerbehandlung wegen der möglichen Nebenwirkungen die Risiken gegen den Nutzen gemeinsam mit dem Arzt oder der Ärztin abgewogen werden.

Gehen die Hauterscheinungen allein durch die Diät nicht zurück, ist eine Behandlung mit dem Wirkstoff Dapson sinnvoll. Dieses Antibiotikum kann jedoch zu Blutarmut führen, deshalb sind während der Behandlung regelmäßige Blutuntersuchungen erforderlich.

Anfangs und bei Diätfehlern ist die Aufnahme einiger fettlöslicher Vitamine (A, D, E, K) vermindert, auch ein Mangel an Folsäure, Vitamin B12 und Eisen können bestehen.

Werden solche Mangelzustände festgestellt, werden sie durch Infusionen mit Vitaminen und Mineralstoffen ausgeglichen.

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